Von wegen mehr arbeiten! Kleiner Rant unserer stellvertretenden Vorsitzenden über die Lüge, dass es mehr Arbeit schon richten wird

Gleich vorweg: Dieser Text ist mit einer Menge Wut im Bauch entstanden. Entsprechend sind einige der Formulierungen ausgefallen und nicht jeder Gedanke ist perfekt ausgefeilt dargelegt. Ich habe mich aber entschlossen, den Text bei Veröffentlichung unverändert zu lassen, denn ich finde, Wut ist hier definitiv angebracht. Zudem ist dies ein Meinungsbeitrag von mir, der nicht zwangsläufig die Meinung der Gesamtpartei wiedergibt. Ich besitze leider keine eigene Plattform in Form eines Blogs oder einer Website, um den Text anderweitig zu veröffentlichen. Da die Piratenpartei Leipzig jedoch Verfechterin eines BGEs ist und sich für Freiheit, Würde und Teilhabe aller Menschen einsetzt, ist dieser Text als Diskussionsbeitrag meiner Meinung nach hier auch nicht verkehrt.

Laut SPD-Chef Klingbeil müssen wir alle mehr arbeiten. Und er ist nicht der Einzige, der das fordert. Wir Deutschen sind zu faul, machen zu oft krank, arbeiten zu gerne in Lifestyle-Teilzeit und über eine 4-Tage-Woche soll die träge gewordene Arbeiterschaft gar nicht erst nachdenken. Wir müssen alle Opfer bringen, müssen alle den Gürtel enger schnallen, härter anpacken und verzichten. Naja, es sei denn natürlich, wir haben das Glück, überreich zu sein – Überreichtum wird nicht angetastet; die Vermögensteuer wurde zuletzt 1996 erhoben – oder im Bundestag zu landen, dann natürlich nicht. Dann beschließt Du einfach selber, dass Du automatisch mehr Geld bekommst.

Doch stimmt es eigentlich, dass wir mehr arbeiten müssen?

Die Seite www.sozialpolitik-aktuell.de schreibt in ihrer Datensammlung zum Arbeitsmarkt, dass die Arbeitsproduktivität seit der Wiedervereinigung einen grundsätzlichen Aufwärtstrend zeigen würde.

In dem dazugehörigen Diagramm, das bis 1991 zurückgeht, ist bei der Produktivität pro Erwerbstätigenstunde eine kontinuierliche Steigerung zu sehen. Sprich, auch als die Produktivität in Krisenjahren leicht zurückging, lag sie noch deutlich höher als zu Beginn der 90er Jahre. Die Arbeitszeit ist zwar gesunken (was dem BIP jedoch keinen Abbruch getan hat), dies sollte bei einer Produktivitätssteigerung allerdings die logische Folge sein. Wer innerhalb einer Stunde produktiver wird, braucht logischerweise weniger Zeit zur Fertigstellung des Produkts. Das ist vielleicht naiv gedacht, aber die Produktivitätssteigerung hatte ursprünglich mal die Verringerung der Arbeitszeit zum Ziel. Zumindest wurde uns das erzählt. Warum sollen wir also trotz gestiegener Produktivität wieder mehr arbeiten?

Oft wird mit dem Fachkräftemangel argumentiert, den die Wirtschaftswoche bereits 2019 als Mythos entlarvte. Und als eine Person, die ebenfalls gerade eine Jobsuche hinter sich hat, kann ich das leider nur bestätigen. Wertschätzung? Faire Bezahlung? Überhaupt mal eine Antwort auf die Bewerbung? Bei ganz vielen Arbeitgebern Fehlanzeige. Ich calle den Fachkräftemangel Bullshit!

Als Nächstes kommt gerne der ach so teure Sozialstaat, der finanziert werden müsse (Hallo, liebe Regierung! Überreiche existieren!). Dann werden Feindbilder von faulen Arbeitslosen und Totalverweigerern heraufbeschworen, die uns auf der Tasche liegen. Oder von faulen Menschen, die nur Teilzeit arbeiten oder nur im Minijob, während wir anderen hart Vollzeit schuften. Zur Not wird auch gerne auf die Kranken gekloppt.

Das Problem sind aber nicht die Arbeitslosen oder die Eltern, die Teilzeit arbeiten, um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben oder weil es schlicht keine Kita-Plätze gibt. Das Problem sind nicht die chronisch Kranken oder andere, die gar nicht arbeiten oder keine Vollzeit arbeiten können. Das Problem sind auch nicht die angeblichen Totalverweigerer. Die könnten wir alle ohne weiteres mitversorgen. Das Problem ist nicht der angebliche Fachkräftemangel oder eine schwächelnde Wirtschaft. Das Problem ist auch nicht auf Deutschland beschränkt. Das Problem ist ein weltweites. Es heißt Überreichtum.

Das Problem ist der nie enden wollende Hunger der Überreichen. Wir produzieren weltweit aktuell so übermäßig viel, dass wir bei einer gerechten Verteilung unseres Wohlstandes für alle Menschen auf der Welt eine Utopie erschaffen könnten. Wir könnten in einer Welt leben, in der kein Mensch Hunger und Durst leiden, auf medizinische Versorgung verzichten oder sich in den Burnout arbeiten muss. Wir könnten eigentlich alle weniger arbeiten. Uns könnte es allen richtig gut gehen. So viel Überfluss produzieren wir.

Glaubst Du mir nicht?

Dann schau Dir doch mal an, was weltweit jährlich einfach so weggeworfen wird. Allein 2022 landeten laut Statistischem Bundesamt weltweit rund 1,05 Milliarden Tonnen Lebensmittel im Müll. Währenddessen greift auch in Deutschland die Ernährungsarmut um sich.

Oder schau Dir an, was die Überreichen pro Tag für ihren Luxus ausgeben. Dass sie gleichzeitig auch viel spenden, ist dabei nur Gewissensberuhigung, denn Fakt ist: Dieser Überreichtum ist die Ursache für eine Menge Leid auf dieser Welt. Und er ist auch der Grund, warum Du mehr arbeiten sollst. So verdammt reich wird ein Mensch nicht durch harte Arbeit. Das funktioniert nur durch die Ausbeutung von Mensch und Natur. Durch die Ausbeutung von Dir, von Deinen Liebsten, von uns allen.

Mehr arbeiten sollen wir, damit die Überreichen mehr Dividenden und Gewinne einstreichen. Nicht, damit die Wirtschaft läuft oder weil es Deutschland ja ach so schlecht ginge, nicht, weil die Produktivität gesunken sei oder wir fauler geworden sind (wie oben dargelegt, ist die Produktivität stetig gestiegen), sondern weil einige wenige einfach den Hals nicht voll genug bekommen.

Hören wir auf, diesen Bullshit mitzumachen! Das große Versprechen der Automatisierung war, dass wir weniger arbeiten müssen. Stattdessen haben einige wenige die massiven Gewinne eingesackt und uns anschließend erzählt, dass wir leider, leider wegen Krise XYZ doch noch mehr arbeiten müssen als erwartet. Und jetzt wiederholt sich das Spielchen. Irgendeine Krise findet sich immer, die daran schuld ist, dass wir trotz zunehmender Automatisierung, trotz Digitalisierung, trotz Produktivitätssteigerung, trotz immer weitergehender Optimierung der Arbeitsabläufe, trotz massiver Überproduktion usw. leider, leider doch noch mehr arbeiten sollen. Geht nicht anders. Muss halt. Für die Wirtschaft. Und bald gehen ja die Boomer in Rente und dann ist ja noch Krieg und dies und das. Wir müssen da einfach alle Opfer bringen. Bla, bla, bla. Wir kennen das Gesabbel zu Genüge.

Hören wir endlich auf, darauf reinzufallen! Lasst uns endlich gemeinsam für ein bedingungsloses Grundeinkommen, weniger Arbeit und eine drastische Besteuerung von Überreichtum kämpfen (keine Sorge, so unverschämt reich, dass Dich diese Besteuerung trifft, wirst Du eh nicht, egal, wie hart Du arbeitest. Kannste glauben)!

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